Beitrag vom Samstag, 06. Juni 2026
Preisträger Faraz Shariat: „Ich wünsche mir ein Kino, das stört“
Für seinen Justizthriller „Staatsschutz“ ist der Regisseur Faraz Shariat im Rahmen des Filmfests Emden-Norderney mit dem Integrationspreis „Norderneyer Engel“ ausgezeichnet worden. Kurdirektor Wilhelm Loth überreichte ihm die Auszeichnung im Anschluss an die Kinovorstellung im Norderneyer Kurtheater. Der Schirmherr des Preises, Bundespräsident a. D. Christian Wulff, konnte in diesem Jahr nicht anwesend sein. Er sandte aber eine persönliche Grußbotschaft.
„Staatsschutz“ basiert auf einem Drehbuch von Claudia Schaefer, Sun-Ju Choi und Jee-Un Kim, dem eine mehrjährige intensive Recherche zugrunde liegt und dem Shariat eine ausdrucksstarke, verdichtete und intensive Bildsprache verleiht.
Im Zentrum der Handlung steht die Staatsanwältin Seyo Kim, gespielt von Chen Emilie Yan. Nach einem rassistischen Anschlag auf ihr Leben beginnt sie zu ermitteln – auch wenn es ihr ausdrücklich untersagt wurde. Sie bringt einen der Täter vor Gericht und ist überzeugt, dass hinter der Tat ein rechtes Netzwerk steckt, das im Verborgenen agiert. Entschlossen durchforstet sie alte Akten und rollt längst abgeschlossene Fälle neu auf. Im Gerichtssaal wird ihr jedoch schmerzhaft bewusst, wie schwierig es ist, Gerechtigkeit in einem System zu erkämpfen, das rechte Gewalt verharmlost – oder sogar deckt.
Die Recherchen zu dem Film wurzeln auf zahlreichen Gerichtsfällen, erläuterte Shariat in der Interviewrunde mit dem Filmpublikum. Es gebe „den Mythos, dass die Staatsanwaltschaft komplett objektiv und neutral sei und der Rechtsruck davor Halt machen würde. (…) Viele Szenen aus dem Film sind mehr oder weniger real. Uns war es wichtig, nicht zu übertreiben – die Realität hat das eigentlich schon überholt.“
Integrieren – aber worin?
Neben der Freude über den „Norderneyer Engel“ gab Shariat zu, er habe „gleichzeitig ein ambivalentes Verhältnis zu einem Preis, der „Integrationspreis“ heißt, denn Integration bedeutet in Deutschland oft: Beweise, dass du dazugehörst. Menschen sollen sich integrieren, aber ich frage mich: Worin? In ein Land, in dem rechte Gewalt seit Jahrzehnten Menschen ermordet und staatliche Institutionen es nicht schaffen, die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen (…) und in dem rechtsextreme Forderungen von der Regierungspolitik umgesetzt werden, während von den Betroffenen Besonnenheit erwartet wird? Wir erleben gerade, wie Grundrechte verhandelbar werden.(…) Faschismus beginnt dort, wo Menschen lernen, dass andere Menschen weniger wert sind, wo Migration zur Bedrohung erklärt, Solidarität kriminalisiert und staatliche Gewalt als Ordnung verkauft wird – und wo Schweigen als Vernunft gilt.“
Er plädiere daher für „Desintegration“, auch im Film: „Ich wünsche mir ein Kino, das Deutschland stört, das unbequem bleibt, eingreift und sich weigert, Menschen auf Opferrollen oder Vorzeigemigrantinnen zu reduzieren.“
„Staatsschutz“ ist ab dem 27. August 2026 im Kino zu sehen.
Verfasst von Dorothee Linke
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