Kind im faltbaren Kinderwagen

Foto: Linke

Beitrag vom Montag, 20. Dezember 2021

Hebammenversorgung auf Norderney: Es lohnt sich einfach nicht

Zwischen 33 und 41 Geburten pro Jahr verzeichnete die Stadt Norderney in den vergangenen fünf Jahren, und auch im laufenden Jahr kamen bis Anfang Dezember bereits 39 Neugeborene hinzu. Für die werdenden und jungen Familien gibt es einen gesetzlichen Rechtsanspruch auf Hebammenhilfe während und nach der Schwangerschaft, und auch bei Fehlgeburten und Schwangerschaftsabbrüchen kann die Unterstützung durch eine Hebamme in Anspruch genommen werden. Doch seit dem Weggang der letzten Hebamme vor knapp einem Jahr bleiben die schwangeren Frauen und jungen Mütter der Insel oft auf sich gestellt, erzählen Caroline Harms, Chantal Degen und Christine Schymczyk vom Verein Norderneyer Inselzwerge. Denn für die Hebammen vom Festland lohnt es sich wirtschaftlich nicht, zu Vorsorgeuntersuchungen oder zum Wochenbettbesuch auf die Insel zu kommen. Auch Geburtsvorbereitungskurse werden auf Norderney nicht und Rückbildungskurse nur von privaten Anbietern durchgeführt, deren Kosten aber zum großen Teil selbst übernommen werden müssen.

„Eine Hebamme deckt viele Aufgaben und Anfragen in der Vor- und Nachsorge ab, sodass ein Arztbesuch nur zwei- bis dreimal in der Schwangerschaft nötig wäre“, erklären die Frauen, die als Mütter auch selbst betroffen sind oder waren. Die Hebamme leiste auch Unterstützung etwa bei Blutungen während der Schwangerschaft oder im Wochenbett sowie bei psychischen Themen, Stillproblemen, Brustentzündungen, Problemen mit der Gewichtszunahme des Säuglings und auch bei praktischen Dingen, etwa wie das Baby gebadet werden muss: „Da wäre es schön gewesen, wenn jemand dagewesen wäre.“

Um die Situation für sich zu lösen, versuchen die Frauen vieles online oder telefonisch zu regeln, geben sich Tipps innerhalb des Freundes- und Familienkreises: „Aber dafür muss man eben auch ein Netzwerk haben“, fügen sie hinzu. Zugezogene halten außerdem oft Kontakt zu ihren Hebammen aus der Heimat. Für die Geburt gehen werdende Eltern teils mehrere Wochen vor dem Termin auf das Festland, um sich dort auf die Geburt vorzubereiten und das Kind zu bekommen.

Inselbesuche nicht wirtschaftlich

„Wirtschaftlich lohnt sich ein Wochenbettbesuch auf keiner Insel“, teilt Stephanie Decker von der Hebammenzentrale Aurich dazu auf Nachfrage mit. Als Vermittlungsstelle zwischen Familien und Hebammen erreichen sie derzeit nur wenige Anfragen von Norderney, bei denen sie dann auf die Hebammensprechstunde oder die Hebammen-Praxis „Bauchladen“ in Norden verweist. „Hier ist die Möglichkeit nach vorheriger Absprache auf dem Festland einen Wochenbettbesuch von einer Hebamme zu bekommen“, so Decker, „ansonsten ist der Gynäkologe oder Kinderarzt zuständig.“ Manchmal finde sich auch eine Hebamme für eine telefonische Beratung.

Für die Auricher Hebamme Gaby Thiel sind vor allem die Anfahrt und das wirtschaftliche Risiko ein Hindernis, wie sie im Gespräch mit dem Norderneyer Morgen am konkreten Beispiel erläutert. So wird die Fahrzeit pauschal mit 50 Cent pro gefahrenen Kilometer und bis zu 25 Kilometer pro besuchter Familie von der Krankenkasse vergütet. Für die erbrachten Leistungen gibt es Pauschalbeträge; für eine Nachsorge etwa beträgt dieser 38 Euro brutto, egal ob der Besuch 20 Minuten dauert oder ob die Hebamme etwa bei auftretenden Problemen zwei Stunden bleibt. Somit lohne sich der Aufwand nach Norderney zu kommen erst dann, wenn die Hebamme mehrere Frauen versorgen könne und wenn diese nicht spontan absagten, so Thiel. Außerdem müsse die Hebamme ihr eigenes Fahrzeug mit auf die Insel nehmen können, um die Ausrüstung transportieren zu können, wodurch alleine schon die Fährfahrt kostspielig würde: „Da gibt es derzeit keine praktikable Lösung.“

Auch der Norderneyer Bürgermeister Frank Ulrichs sieht vor allem die Mobilität, aber auch die Bereitstellung von Räumlichkeiten als wesentliche Probleme. Er stehe mit der Hebammenzentrale in Kontakt und habe dort die Unterstützung seitens der Kommune angeboten, was von deren Seite auch gut aufgenommen worden sei.
Für Stephanie Decker ist aber vor allem eine Änderung der Gebührenordnung für die niedersächsischen Hebammen notwendig, die die Versorgung auf den Inseln wirtschaftlich machen würde: „Hier sind die Politik und die Krankenkassen gefragt, das umzusetzen.“
Die Norderneyerinnen Harms, Degen und Schymczyk sind überzeugt, dass die Inselgemeinschaft ein Interesse daran haben sollte, das Problem der Hebammenversorgung zu lösen. Im Gegenzug seien aber ebenso die Schwangeren und jungen Eltern gefragt, die ein solches Angebot auch annehmen müssten,
betonen die Frauen.

Sorge um Dreiergespann

Erschwerend kommt hinzu, dass der einzige noch auf Norderney praktizierende Frauenarzt seine Praxis zum Jahresende schließen wird. Für jede gynäkologische Versorgung müssen die auf der Insel lebenden Frauen also zukünftig ebenfalls auf das Festland reisen, auch bei Komplikationen: „Und das will man dann den schwangeren Frauen zumuten, die vielleicht schon kleine Kinder haben“, merkt Schymczyk an.
„Unsere große Sorge ist einfach, dass nach dem Wegziehen der Hebamme dieses Dreiergespann aus Kinderarzt, Frauenarzt und Hebamme komplett verlorengeht“, ergänzt Degen.
Das betreffe nicht nur die Norderneyerinnen, sondern auch schwangere Urlaubs- und Kurgäste und Rehapatientinnen.

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