Volkstrauertagszeremonie auf dem Norderneyer Friedhof

Foto: Pape

Beitrag vom Montag, 15. November 2021

Ulrichs: „Ein unerträglicher Tabubruch“

Norderneys Bürgermeister Frank Ulichs hat in seiner Rede am Volkstrauertag in der Friedhofskapelle an die Kriegsopfer sowie die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter erinnert, die während des zweiten Weltkriegen nach Norderney verbracht wurden, und auf dem Ehrenfriedhof einen Kranz niedergelegt.

„Die Rückbesinnung an die beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts und ihre zahllosen Opfer ist eine humanitäre Verpflichtung. Das gilt auch und vor allem für die dunklen Seiten der Geschichte. Wir können sie nicht abstreifen und vergessen oder gar verdrängen“, erklärte Ulrichs. Er gedachte zudem den Menschen, die im Kriegsgefangenenlager am Golfplatz interniert wurden und berichtete von zwei polnischen Soldaten, die 1942 mit 19 und 26 Jahren nach einem missglückten Fluchtversuch auf Norderney mit Bajonettstichen und Genickschüssen ermordet wurden.

„Weit über 1.000 Zwangsarbeiter wurden zwischen 1940 und 1945 aus allen Teilen Europas hierher verschleppt (…) und unter anderem für den Bunkerbau und Schanzarbeiten eingesetzt, aber auch in Handwerksbetrieben und in der Landwirtschaft“, so Ulrichs. Heute sind die Stätten von Gras, Büschen und Bäumen überwuchert oder längst überbaut worden, aber „wenn wir vor den Gräbern stehen, gibt es keinen Unterschied mehr zwischen den Nationalitäten und Uniformen, sie wurden alle zu Opfern des Krieges, egal ob Russen, Deutsche, Österreicher, Polen oder Franzosen“, so Ulrichs und mahnte: „Die Sprache der Verachtung und des Hasses, der Abgrenzung gegenüber dem Anderen trotz der Erfahrungen mit dem Krieg und seinen Folgen ist keineswegs für immer verstummt.“

„Müssen alle Kräfte aufbieten“

„Wir erleben europaweit ein Erstarken jener verhängnisvollen Ideologien und Propagandamuster, die vor einem Dreivierteljahrhundert den Kontinent in den Abgrund gerissen haben.“ Man dürfe daher nicht müde werden, auf diese Tatsache hinzuweisen, die oft kleingeredet, geleugnet und relativiert werde.
Als einen unerträglichen Tabubruch bezeichnete der Bürgermeister „dass vor allem Rechtsextreme in der aktuellen Zeit der Corona-Pandemie ausgerechnet einen an den Judenstern angelehnten, gelben Stern tragen, um – angeblich – gegen die Stigmatisierung der Ungeimpften zu demonstrieren, als sei die heutige Corona-Politik mit der Judenverfolgung durch das NS-Regime nur ansatzweise vergleichbar.“ Da werde von einem „Impf-Holocaust“ oder „Corona-KZs“ fabuliert, Fotomontagen des Tors zum Konzentrationslager Auschwitz mit der Aufschrift „Impfen macht frei“ verbreitet, um „in niederträchtigster Weise die Impfunwilligen als Opfer darzustellen und Parallelen zum Völkermord aufzuzeigen“, verurteilte Ulrichs. Dabei gehöre die Angst für rechte Propaganda zum Kerngeschäft. Aus seiner Sicht ist vor allem im Internet die Zahl rechtsextremer Inhalte im vergangenen Jahr deutlich gewachsen. „Von ganz unterschiedlichen Gruppen werden dort radikale Themen besetzt – mit antisemitischen Weltanschauungen oder Feindbildern wie die etablierte Politik, unsere Zivilgesellschaft oder verstärkt auch die Presse“, sagte Ulrichs und erinnerte an den Mord an einem Tankstellen-Kassierer in Ida-Oberstein vor wenigen Wochen, weil dieser beim Täter die Maskenpflicht eingefordert hatte.

Ulrichs: „Wir dürfen nicht verzagen und müssen alle unsere Kräfte aufbieten, um uns dem Vergessen und Verdrängen, dem Leugnen und Verdrehen, dem Wiedererstarken rechter Gewalt und Gesinnung, entgegenzustemmen und auf diese Weise unsere Demokratie vor Schaden zu bewahren. Unser Gedenken an den Krieg und seine Opfer ist also stets verbunden mit dem Kampf um die Demokratie. Diese immerwährende Verpflichtung muss auch in unserem Alltag präsent sein und uns dazu anhalten, eine Gesellschaft aufzubauen, die von Toleranz, gegenseitiger Achtung und Humanität geprägt ist.

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11. November 2021

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