Strategie für die Gesundheitsversorgung

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Beitrag vom Mittwoch, 08. Juli 2026

Strategie für die Gesundheitsversorgung

Rund 120 Besucher kamen in die Aula der Kooperativen Gesamtschule, um sich über die Zukunft der Gesundheitsversorgung auf Norderney zu informieren. Eingeladen hatte der Rotary Club Norderney. Anwesend war bei der Veranstaltung Bürgermeister Frank Ulrichs sowie sein ständiger Vertreter Holger Reising. Unter den Zuhörern befanden sich zudem zahlreiche Ratsmitglieder, Leitung, Ärzte und Mitarbeiter des Krankenhauses sowie Vertreter des Fördervereins Norderneyer Krankenhaus. Nach einem rund anderthalbstündigen Vortrag von Prof. Dr. Jörg Risse von der Beratungsagentur Vicondo Healthcare aus Berlin nutzten mehrere Besucher die Gelegenheit, Fragen zu stellen.

Rotarypräsident Jens Harms eröffnete den Vortragsabend und erklärte: „Vicondo hat den Auftrag bekommen, die Weichenstellung unserer Gesundheitsversorgung hier auf der Insel für die nächsten Jahre zu planen” und stellte Risse als ausgewiesenen Experten und einen renomierten Berater zum Thema Gesundheitsversorgung vor.
Risse wird als Geschäftsführer der Unternehmensberatung Vicondo Healthcare die Stadt bei der Entwicklung eines Zukunftskonzepts für das Inselkrankenhaus und das Medizinische Versorgunszentrum begleiten. Mit der geplanten Übernahme des Krankenhauses durch die Inselkrankenhaus Norderney GmbH voraussichtlich zum 1. September beginne zugleich ein umfassender Strategieprozess.

In seinem Vortrag machte Risse deutlich, dass die Herausforderungen weit über Norderney hinausreichen. Das deutsche Gesundheitswesen gehöre zwar zu den leistungsfähigsten der Welt, stehe jedoch unter enormem Druck. Steigende Kosten, der demografische Wandel, Fachkräftemangel und die Krankenhausreform führten dazu, dass inzwischen rund 80 Prozent der Krankenhäuser rote Zahlen schreiben, informierte Risse. Deutschland gebe jährlich rund 500 Milliarden Euro für Gesundheit aus. Das ist jeder achte Euro des Bruttoinlandsproduktes. Dennoch liegt die Lebenserwartung im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld.
Einen wesentlichen Grund sieht Risse im Finanzierungssystem der Krankenhäuser. Kliniken könnten weder die Preise ihrer Leistungen noch wesentliche Kostenbestandteile selbst beeinflussen. Die Vergütung erfolge über bundesweit festgelegte Fallpauschalen, Tarifverträge und zahlreiche gesetzliche Vorgaben bestimmten die Ausgaben. Steigende Personal-, Energie- und Sachkosten ließen sich deshalb kaum ausgleichen. „Die Situation ist so, dass 80 Prozent der Kliniken heute rote Zahlen schreiben.” Das sei kein Managementproblem mehr, sondern ein systemisches Problem, so Risse.

Hinzu komme der demografische Wandel. Immer weniger Beitragszahler sollen die Gesundheitsversorgung finanzieren, gleichzeitig steige der Behandlungsbedarf einer älterwerdenden Bevölkerung. Bis 2035 fehlten bundesweit rund 1,5 Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen, insbesondere in Pflegeberufen.
Auch das Berufsbild der Ärzte verändere sich. Immer mehr Mediziner wollten angestellt arbeiten und legten größeren Wert auf planbare Arbeitszeiten und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gerade in ländlichen Regionen und an kleineren Standorten werde es dadurch zunehmend schwieriger, frei werdende Praxen nachzubesetzen. Risse verwies darauf, dass Kommunen deshalb verstärkt eigene Medizinische Versorgungszentren gründen.

Als Antwort auf diese Entwicklungen werde sich die Gesundheitsversorgung grundlegend verändern. Mit der Krankenhausreform würden sich Kliniken künftig stärker spezialisieren. Gleichzeitig würden immer mehr Behandlungen ambulant durchgeführt. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden heute und in Zukunft Ärzte in der Diagnostik und der Dokumentation entlasten und Spezialwissen unabhängig vom Standort durch Telemedizin anbieten.

An mehreren Beispielen zeigte Risse, wie solche Entwicklungen bereits heute aussehen. Künstliche Intelligenz unterstütze Radiologen inzwischen bei der Auswertung von Bilddaten. Arztgespräche könnten automatisch dokumentiert werden. Telemedizin ermögliche fachärztliche Diagnosen aus der Ferne. Als Zukunftsmodell stellte Risse digitale Notfallkabinen vor, in denen Patienten bereits vor dem Eintreffen des Rettungsdienstes untersucht werden könnten.

Wegen der Insellage muss jedoch eine leistungsfähige Notfallversorgung dauerhaft gewährleistet bleiben, dabei muss nach seiner Ansicht die Versorgung stärker als Netzwerk verstanden werden. Krankenhaus, Medizinisches Versorgungszentrum, niedergelassene Ärzte, Pflege, Reha-Einrichtungen sowie Telemedizin müssten künftig eng zusammenarbeiten.

Besondere Herausforderungen ergeben sich dabei aus den stark schwankenden Einwohnerzahlen. Während im Winter rund 5.500 Menschen auf der Insel leben, steigt die Zahl in der Hauptsaison durch Gäste und Tagesbesucher um ein Vielfaches. Diese saisonalen Unterschiede müssten sich künftig auch in Personal- und Versorgungsmodellen widerspiegeln, erläuterte Risse den Lösungsweg.
Für die kommenden Monate skizzierte Risse drei zentrale Aufgaben. So hat die Stadt nun frühzeitig einen Strategieprozess eingeleitet. Gemeinsam mit Ärzten, Pflegekräften, Mitarbeitern des Krankenhauses, niedergelassenen Ärzten, Reha-Einrichtungen und weiteren Akteuren werden er und sein Team analysieren, welche medizinischen Leistungen Norderney künftig selbst vorhalten müsse und welche gemeinsam mit Partnern erfolgen können.

Im zweiten Schritt gehe es darum, geeignete Kooperationspartner zu finden. Dazu gehörten Kliniken auf dem Festland ebenso wie gemeinsame Notfallketten, Rotationsmodelle für Ärzte oder Spezialsprechstunden.
Am Ende wird Norderney dem Land ein Zukunftskonzept vorlegen können, um Mittel aus dem Transformationsfonds für den Umbau der Krankenhausstrukturen zu erhalten.