Sicherheit in erschöpften Zeiten

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Beitrag vom Montag, 26. Januar 2026

Sicherheit in erschöpften Zeiten

Mit „Viva la vida“ und wehenden Norderney-Flaggen ging der Neujahrsempfang im Conversationshaus zu Ende. Mehr als 300 Norderneyerinnen und Norderneyer waren gekommen, um sich einmal im Jahr den Handschlag und persönliche Neujahrsgrüße von Bürgermeister Frank Ulrichs abzuholen. Die Ehrenamtlichen der Feuerwehr und die Mitglieder des Schützenvereins erschienen anlassgerecht in Uniform, die Mitglieder des Heimatvereins in der traditionellen Inseltracht. Dass der Empfang wetterbedingt um zwei Wochen verschoben werden musste, tat der Stimmung im Saal keinen Abbruch. Nach einer Einstimmung durch den Gospelchor „Starfish Singers“ unter Leitung von Gudrun Fliegner lauschten die Anwesenden aufmerksam der Ansprache des Bürgermeisters, der in rund 45 Minuten auf das vergangene Jahr zurückschaute und einen Ausblick auf die städtischen Vorhaben für das noch junge Jahr 2026 bot.

Bevor er sich konkreten Projekten zuwandte, beschrieb Ulrichs einen Zustand, den er auch für sich „zumindest aus nächster Nähe kenne“: „Das Weltgeschehen wird zunehmend unübersichtlicher und unberechenbarer. Die Gewissheiten werden kleiner, die Schlagzeilen immer lauter. Viele Menschen spüren, dass sich politisch, wirtschaftlich und vor allem gesellschaftlich etwas verschiebt. (…) Unsere Gesellschaft wirkt erschöpft, genervt und immer öfter planlos. Auch eine neue Bundesregierung unter einem neuen Bundeskanzler konnte da bis heute nicht so wirklich Abhilfe schaffen.“ Genau hier beginne die Rolle der Kommune, so Ulrichs: „Sie ist der Ort, an dem Entscheidungen konkret werden. (…) Hier bei uns bestimmt sich, ob Vertrauen wächst oder schwindet (…) Wir können Sicherheit geben, weil man uns kennt.“

Als die „großen Themen des Jahres 2025“ ging Ulrichs dann auf die Übernahme des insolventen Inselkrankenhauses und des Medizinischen Versorgungszentrums ein. Einen großem Zwischenapplaus gab es für die Mitarbeiterschaft des Krankenhauses sowie für die Arbeit der städtischen Kämmerei und des stellvertretenden Bürgermeisters Holger Reising, dem der Bürgermeister „großen juristischen Sachverstand“ bei der Vorbereitung der Übernahme attestierte. „Jetzt muss auch das Land Farbe bekennen und die wohlwollenden Zusagen, die unser Gesundheitsminister, Dr. Andreas Philippi, zu Beginn des letzten Jahres bei seinem Besuch unserer Insel getroffen hat, mit Fakten untermauern“, forderte Ulrichs.

Zudann kam der Bürgermeister auf das Angebot „Essen auf Rädern“ zu sprechen, das durch die gemeinschaftliche Initiative von Gastronomen, privaten Sponsoren und öffentlicher Hand gerettet werden konnte. „Dieses Handeln macht deutlich, dass wir uns auf Norderney umeinander kümmern.“

„Politisches Tauziehen“

Diese Einigkeit sei jedoch beim dritten großen Thema, der Zweckentfremdungssatzung, bisher noch nicht gelungen. Stattdessen habe ein „politisches Tauziehen“ eingesetzt, „das weder der Sache noch der Glaubwürdigkeit kommunaler Entscheidungen gutgetan hat.“ Inzwischen gebe es aber eine breite Bereitschaft zum Konsens: „Mein Ziel ist es, im ersten Halbjahr zu einer rechtssicheren Lösung zu kommen.“

Zu den weiteren Themen aus 2025 zählte Ulrichs unter anderem die Sandaufspülung entlang der Promenade auf, erinnerte an zahlreiche Vereinsjubiläen, die gebührend gefeiert wurden, und an das Riesenrad, das erstmals auf dem Theaterplatz aufgestellt wurde. Auch brachte er noch einmal Kuriositäten in Erinnerung und erntete einige Lacher unter anderem mit der „SOKO Mietzekatze“, als die Ulrichs die Entführung einer Norderneyer Hauskatze durch Urlauber bezeichnete. Ebenso mit dem Zuckerpad, für den Ulrichs resümierte: „Nach jahrelangen Debatten und Feldversuchen sind wir erstaunlich konsequent wieder am Ausgangspunkt angekommen; diesmal allerdings mit Beschilderung.“

2026: Kommunalwahlen und Ministerkonferenzen

Die Kommunalwahlen im September werden das politische Jahr 2026 bestimmen. Aufgrund der Zensuszahlen von 2022 stehen in diesem Jahr zwei Ratssitze weniger zur Wahl. Er „hoffe sehr, dass sich viele Norderneyerinnen und Norderneyer angesprochen fühlen und den Mut finden, sich in den kommenden Jahren politisch zu engagieren und die Entwicklung unserer Insel aktiv mitzugestalten“, betonte der Bürgermeister.
Politisch stehen mit der Sportministerkonferenz im kommenden März und der Energieministerkonferenz im Mai 2026 zwei weitere gewichtige Ereignisse im politischen Inselkalender, verriet Ulrichs und bemerkte: „Ich würde es sehr begrüßen, wenn von letzterem Treffen auch nachhaltige und konkrete Impulse in Fragen der Energiewende für unsere Insel ausgingen.“

Von Personalmangel bis Skaterpark

Weiterhin angespannt bleibt die Personalsituation in der Stadtverwaltung aufgrund des allgemeinen Fachkräftemangels. „Die Folgen sind für uns unmittelbar spürbar“, so der Bürgermeister: „Verfahren dauern länger, Zuständigkeiten werden gestreckt und Belastungen steigen. Das Rathaus funktioniert, allerdings zunehmend an der Leistungsgrenze und damit auf Verschleiß.“

Trotzdem habe die Stadt zahlreiche Vorhaben auf den Weg gebracht, darunter der Neubau eines Wohnhauses an der Mühle, neue Courtanlagen auf dem Sportplatz an der Mühle, eine neue Skateranlage am Kap-Hoorn sowie die Erneuerung der Ausstellung der Wattwelten. Für die Inselmühle „Selden Rüst“ ist bisher hingegen noch kein Pachtverhältnis zustande gekommen, was die Stadt durchaus mit Sorge sehe, gestand Ulrichs ein. Mit den Umbauarbeiten solle im Herbst begonnen werden. „Angesichts des großen Interesses und der guten Resonanz auf den provisorischen Sommerbetrieb hoffe ich sehr, dass sich hierfür noch eine Lösung findet.“
Auf dem ehemaligen Campingplatz Booken hingegen geht es voran, kündigte Ulrichs an. Hier befinden sich erste Grobplanungen mit bis zu rund 100 Tinyhäusern in der Grobplanung.

Ulrichs stellt sich erneut zur Wahl

Wie bereits vor sieben Jahren nutzte Ulrichs die Kulisse des Neujahrsempfangs, um eine persönliche Entscheidung zu verkünden: Er wird am 13. September erneut für das Amt des Bürgermeisters zur Wahl stehen. „Ich habe in den vergangenen Monaten kaum eine Woche erlebt, ohne auf meine persönlichen Zukunftspläne angesprochen zu werden“, verriet er. Um eine permanente Wahlkampfatmosphäre zu vermeiden, habe er jedoch mit der Verkündung noch gewartet. „Das entgegengebrachte Interesse habe ich gleichwohl als Ausdruck von Vertrauen verstanden.“ Es habe auch „sehr konkrete berufliche Optionen“ gegeben, aber: „ Ich bin Insulaner, ich bleibe Insulaner, mein Platz ist genau hier, wo Entscheidungen nicht abstrakt sind, sondern Gesichter haben und wo man den Menschen, für die man arbeitet, jeden Tag auf der Straße begegnet.“

Die Anwesenden beantworteten seine erneute Kandidatur mit Jubelrufen und anhaltendem Applaus.