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Montag, 19.Dezember 2011 - 13:04 Uhr | Kategorie Allgemein, Weblog

Winter auf der Insel

Wie sehr sich die Lebenswirklichkeit der Bewohner Norderneys verändert hat, bekommt man am deutlichsten zu spüren, wenn man hört, wie der Winter früher war. Oder gewesen sein soll. Ein Freund sagte früher immer: „Im Winter rücken die Insulaner wieder zusammen.“ Er sagte dies nicht ohne eine gehörige Portion Ironie. Aber bis heute ist etwas dran. Wenn der große Strom der Urlauber versiegt ist, kommen die Norderneyer Bewohner mal wieder zu ihrem Recht. Spaziergänge, ausruhen, verreisen. Alles das wird von vielen in die dunkle Jahreszeit verlegt.

Der Sound des Winters, das ist der archaische Siegesschrei der Boßler, der von irgendwo herübergeweht kommt oder das Nebelhorn der Frisia, dessen Ton vom Nebel getragen lautstark in mein Schlafzimmer dringt. Zuvor hatte sich der nahende Winter schon in windstillen Nächten mit dem Schreien der ziehenden Gänse, die unsichtbar über uns in der Nacht vorüberziehen, angekündigt.

Der Sound des Winters, das sind aber auch die Autos der Insulaner, die „endlich“ mal wieder quer durch den Ort fahren dürfen, die Baustellen, auf denen auch in diesem Winter mit wahnsinniger Geschwindigkeit Gebäude hochgezogen werden. Dazu kommen die Norderneyer Vermieter, die ihre Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen verschönern.

Die Winterzeit wird dabei gefühlt immer kürzer. Anfang des Jahres schwappte eine Debatte über die Insel. Der Kurdirektor hatte gerufen: Macht nicht alle Geschäfte zu, Gäste kommen verstärkt auch im Winter. Das ist wohl so. Immer mehr Menschen sind auch im Winter Gast auf Norderney. Selbst in den ruhigsten Zeiten findet der Tourismus heute statt.

Das kennen die älteren Norderneyerinnen und Norderneyer noch ganz anders. Da dauerte die „Badesaison“, wie das damals hieß, von Juni bis September. Man freute sich auf die Gäste. Die Zimmer wurden geräumt. Die dreiteiligen Matratzen im Garten ausgeklopft. Ob das alles schöner war, überlässt man besser der Beurteilung durch die, die das erlebt haben.

Dieses Auf und Ab gehört jedenfalls zu den prägenden Elementen der insularen Lebensweise und damit zu den prägenden Elementen der Gesellschaft auf der Insel. Das Leben auf einer Insel ist härter als anderswo. Und es ist karger. Rau weht der Wind, selten fällt Schnee. Und wenn uns der Winter mal richtig im Griff hat, kommt man sich vor, wie auf einem Außenposten der Zivilisation. Nicht umsonst sind die Insulaner, die geborenen und die zugezogenen, ein besonderer Menschenschlag. Man muss das mögen. Ich mag das. Meistens.

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