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Freitag, 16.Dezember 2011 - 17:46 Uhr | Kategorie Weblog

Graue Stadt

Ich liebe den Herbst an der Küste. Als Stadtkind habe ich in Klasse 5 im Unterricht das Paradegedicht von Theodor Storm von der Stadt am grauen Strand zum ersten Mal wahrgenommen und war ergriffen. Ich kann mich heute noch an das Gefühl erinnern. Und bis heute liebe ich diesen Klassiker. In dem kurzen Gedicht findet sich die ganze Wehmut des Herzens, die sich mit dem Herbst an der Küste verbindet. Vor allem die Wehmut über den vergangenen Sommer.

Mit diesem Gefühl verbindet sich viel von dem, was wir als typisch Norddeutsch empfinden. Bis hin zum Norddeutschen Barock, dessen Spielart anders als die italienische Variante etwas schwermütiger daherkommt. Um Wehmut über den vergangenen Sommer zu empfinden, müsste man aber erstmal einen Sommer gehabt haben, werden jetzt viele denken. Und das natürlich zu Recht. Wetter hatten wir genug, leider wenig richtig schönes. Jedenfalls, wenn man schön als Hochsommerlich definiert.

Die Urlauber hat das in diesem Jahr zumindest statistisch nicht interessiert. Norderney liegt weiterhin im Trend. Und nach zwei aufeinander folgenden Rekordjahren, wurde bis Ende Juli ein weiterer Zuwachs um 2 Prozent an Gästeanreisen gemessen. Der Wehmut des Herbstes etwas entgegen zu setzen, haben Menschen die Herbstfeste erfunden. Es sind im Ursprung Feste der Dankbarkeit. Das Erntedankfest am 2. Oktober wird in den Kirchen gefeiert.

Die Norderneyer Kleingärtner werden wieder etwas von ihrem Ertrag abzwacken und auf die Altäre der Kirchen legen. Ein Ritual, das sicher älter ist, als die christliche Kirche selbst. Man freut sich über die Ernte und dass man genug hat, den Winter zu überstehen. Typisch für die evangelische Kirche auf Norderney sind zwei alte Segelschiffe, die von der Decke herab hängen. Sie sind auch ein Zeichen des Dankes.

In diesem Fall für glückliche Wiederkehr und guten Handel. Da wäre es für Norderney sicher nicht unpassend, künftig Modelle der Frisia-Fähren in die Kirche zu hängen. Die bringen schließlich die vielen Urlauber auf die Insel, die manchem schon zu stattlichen Häusern und soliden Einkommen verholfen haben. Wenn jetzt noch Dankbarkeit dazu kommt, ist das Leben eigentlich perfekt. Auch ohne Sommer. Und vielleicht kann man sich ja direkt bei Strand und Wasser bedanken, denn dafür kommen immer noch die meisten Urlauber nach Norderney.

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