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Freitag, 20.Januar 2017 - 00:15 Uhr | Kategorie Allgemein, Regionales

Etwas ganz Verrücktes

(der) – Dass mit Florian Knöpfel am vergangenen Sonntag ein 40-Jähriger als Chefarzt der Seeklinik Norderney eingeführt wurde, war kein Zufall. Die Rehabilitationsklinik durchlebt seit einigen Jahren einen tief greifenden Wandel, dessen Ende noch gar nicht abzusehen ist. Erste Erfolge werden aber schon heute sichtbar.
Spätestens mit Abschluss des Jahres 2014 wurde in der Seeklinik, dem früheren „Seehospiz Kaiserin Friedrich“, das Zeitalter des strengen Controllings verlassen. Bis zu diesem Zeitpunkt hieß die Aufgabe von Geschäftsführer Karlheinz van Heuveln vor allem, mit Krisenmanagement die Klinik vor der Schließung zu bewahren.
Der Geschäftsführer war am 1.1.2010 zum Unternehmen gestoßen, als sich die Klinik in schwerer See befand. Jetzt hat sich die Situation so weit stabilisiert, dass wieder nach vorne geschaut wird. „Die Seeklinik ist schuldenfrei“, sagt van Heuveln. Seit 2016 können die Arbeitnehmer nach Tarif bezahlt werden.
Es sind Sätze, über die man sich freuen kann. Karlheinz van Heuveln bekennt, dass er sich gelegentlich dabei ertappt, dass er im Kopf immer wieder in den Krisenmodus kommt. Es war ein langer Weg, diesen Modus zu verlassen. Jetzt spricht van Heuveln von der Zukunft.
„Es werden Dinge wichtig, über die man sich keine Gedanken machen muss. Diese Gedanken konnte man vorher nicht anstellen, weil kein Geld da war“, so der Geschäftsführer der Seeklinik. Dass es unter diesen Bedingungen gelang, trotzdem erfolgreich zu sein, spricht für sich.
Der Marktanteil der Seeklinik an der bundesweiten Kinder- und Jugendrehabilitation ist von 2,5 Prozent im Jahr 2010 auf 4 Prozent im Jahr 2015 gestiegen. Und das in einem stagnierenden Markt. Van Heuveln: „Wir können nur gut am Markt sein, indem wir anderen Patienten abwerben.“ Auch das scheint gelungen zu sein. Die Zahl der Belegungstage stieg von 50.000 im Jahr 2013 auf rund 76.000 im vergangenen Jahr.
Jetzt heißt es nach vorne schauen. Und da ist die Zahl der Baustellen nicht kleiner, als in der Vergangenheit. Die Mehrheit „seiner“ Leistungsträger in der Klinik, also der Mitarbeiter, sei im Alter 55 plus. „Die Frage ist, wie bekomme ich junge Mitarbeiter auf die Insel“, sagt van Heuveln. Für den Posten des Chefarztes habe er eine „super Bewerbung“ gehabt. Der Haken: Der Bewerber war 63.
Das wäre das falsche Signal für alle möglichen Fachkräfte, ist sich Karlheinz van Heuveln sicher. Die Beförderung des bisherigen Oberarztes sollte ein Signal sein. Van Heuveln: „Bei Quasi-Vollbeschäftigung in Deutschland wird das Wohl und Wehe der Klinik davon abhängen, ob wir gute Leute kriegen.“

Die Zeichen stehen auf Wachstum
Dabei stehen die Zeichen auf Wachstum. Seit August 2016 darf die Seeklinik auch erwachsene Hautpatienten behandeln. Dieses Projekt steckt noch in den Kinderschuhen und soll sehr langsam entwickelt werden. 2017 werden es höchstens acht Patienten gleichzeitig sein, die in der Seeklinik behandelt werden.
Die zweite Herausforderung sei „etwas ganz Verrücktes“, so van Heuveln. Eine Gesetzesänderung im Bereich der Kinder- und Jugendrehabilitation – erstaunlicherweise ist sie im Flexirentengesetz untergebracht, regelt den Markt neu. Bislang war eine Kinder- oder Jugendrehabilitationsmaßnahme eine Kann-Leistung, die auf Antrag gewährt oder abgelehnt werden konnte, jetzt besteht ein Anspruch. Bisher wurde der Anspruch auf alle vier Jahre begrenzt, jetzt kann die Maßnahme bei Bedarf in Anspruch genommen werden. In der Vergangenheit galt es als zumutbar, Achtjährige für drei Wochen alleine in eine Reha-Maßnahme zu schicken. Jetzt gelten deutlich verbesserte Regelungen für Begleitpersonen.
Kinder bis zum Alter von 10 Jahren werden nun automatisch begleitet. Bis zum zwölften Lebensjahr wird eine Begleitperson genehmigt, wenn dies für den Erfolg der Reha-Maßnahme bedeutend ist. In Fällen, bei denen es wichtig ist, dass auch Eltern Inhalte übermittelt bekommen, etwa bei Adipositas, geht der Anspruch noch weiter. Bis hin zur Familienreha.
Neben der stationären Rehabilitation gibt es jetzt auch ambulante Maßnahmen. Die Seeklinik lotet gerade Kooperationsmöglichkeiten mit dem Norderneyer Krankenhaus aus. Zurzeit entstehen 14 neue Appartements für Patienten, andere werden renoviert. Die Kostenträger erwarten 3-Sterne Hotelstandard.
Was die Gesetzesänderung für den Klinikbereich bedeutet, weiß noch niemand so richtig. Das Gesetz trat erst am 1. Januar in Kraft. Klar ist, es kommt Arbeit auf die Seeklinik und ihren Geschäftsführer zu. Van Heuveln: „Ich bin froh, dass wir die Klinik in den letzten sieben Jahren umfunktioniert haben.“

Foto: Dirk Kähler

 

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