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Freitag, 20.Januar 2012 - 11:01 Uhr | Kategorie Regionales

Erinnerung an die große Zeit der Fischerei auf Norderney

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Titelbild: Helmut Schulz legte selbst Hand an, als das Schiff in der Norderneyer Kirche aufgehängt wurde.

(der) – „Ich bin jetzt so bei 400 Stunden“, sagt Helmut Schulz, als er nach der Bauzeit für das Modell einer Norderneyer Fischer-Schaluppe gefragt wird, das seit gestern die evangelisch-lutherische Inselkirche ziert. Das Modell ist ein detailgetreuer Nachbau eines der Fischereifahrzeuge, die im 19. Jahrhundert typisch für die Insel waren. Wie das große Vorbild wurde der Rumpf in Spantenbauweise gebaut und jede kleine Planke einzeln zugeschnitten. Maschinen kommen bei dieser Filigranarbeit nicht zum Einsatz.

Damit hängen nun drei Schiffe aus drei Jahrhunderten in der Inselkirche. Das älteste Modell von 1808 hing bereits im Vorgängerbau der heutigen Kirche. Das zweite Schiff stammt aus dem Jahr 1904. Beide Schiffe hatte Helmut Schulz vor einigen Jahren bereits restauriert, berichtet Pastor Stephan Bernhardt, der im Namen der Kirchengemeinde „großen Dank“ aussprach.

Er selbst würde das Schiff als Schenkung bezeichnen, betont Helmut Schulz und weist darauf hin, dass der Begriff Votivschiff nur gelte, wenn die Gabe auch mit einem Gelübde verbunden sei. Er habe die Schaluppe für die Kirche vor allem gebaut, um an die große Zeit der Fischerei auf der Insel zu erinnern, erklärt der 78-Jährige, der als Kind aus Emden auf die Insel kam.
Die Seefahrt hat das Berufsleben von Helmut Schulz von 1950 bis 1997 geprägt. Davon 30 Jahre bei der Seevermessung zwischen Ems und Jade für das Wasser- und Schiffahrtsamt Norden.

Er fühle sich heute noch wie 60 und würde jederzeit wieder an Bord gehen, wenn man ihn ließe, sagt Schulz. Und er weiß viel zu berichten über den von ihm nachgebauten Schiffstyp.

In der Blütezeit der Schellfisch-Fischerei zwischen 1870 und 1880 gab es rund 80 dieser Schiffe allein auf Norderney. Gut 300 Menschen arbeiteten auf ihnen. Praktisch jede Norderneyer Familie war vom Fischfang wirtschaftlich abhängig, weiß Helmut Schulz zu berichten.

Die Schaluppen fuhren in der engeren Umgebung der Insel. Die Fangzeit lag vor allem in den kühleren Jahreszeiten. „Das konnte nicht immer gutgehen“, so Schulz. Ab 1880 ging es mit den Schellfisch-Beständen bergab und die Schaluppen wurden weniger. Dennoch waren die Fangmengen beachtlich. Zwei bis drei Mann Besatzung  fuhren auf den Schaluppen. Jeder hatte fertige Angelleinen von 400-Meter Länge mit an Bord zu bringen, an denen in kurzen Abständen kurze Abzweige mit Angelhaken angebracht waren. Als Köder dienten Wattwürmer, die von den Frauen gegraben wurden. Für 1886 sind 1.3 Millionen Stück Schellfisch als Fangmenge vermerkt. Jeder Fisch wog 1,5 bis 2 Kilo. Pro Fisch bekam ein Fischer damals 12 Pfennige. Gekühlt wurden die großen Mengen mit Eis, das eigens auf Segelschiffen aus Norwegen herangeschafft wurde.

Mit dem Ausbleiben der Schellfische und dem Aufkommen des Fremdenverkehrs in größerem Stil endete die große Zeit der Fischereiflotte der Insel. 1929 habe „ein Mensch aus Hannover“ sich die Mühe gemacht, eine der wenigen, noch existierenden Schaluppen genau zu vermessen.

Nach diesem Plan hat Helmut Schulz das Modell gefertigt, das nun auf einer Seite der Orgelempore hängt.
Auf der anderen Seite wäre noch Platz, sagt Schulz und dass er hoffe, dass dort noch ein weiteres Schiff einen würdigen Platz finden wird.

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