Nomo Online News

Dienstag, 03.Juli 2012 - 19:28 Uhr | Kategorie Politik

Ende der Geburtshilfe auf Norderney

geburtshilfe_norderney

Titelbild: Betrübte Gesichter: Nach neun Jahren Dauerdienst kann Frauenarzt Thorsten Bomhard (Foto) nicht mehr und gibt die Geburtshilfe auf. Vertretung und Ersatz sind schwer zu bekommen. Geburtsvorbereitung und Praxis laufen weiter. Rechts im Bild: Hebamme Gabriele Peinecke.

(der) – „Ja meine Damen und Herren“, leitete Bürgermeister Frank Ulrichs als Gastgeber im Rathaus ein Pressegespräch ein, dessen wesentlicher Inhalt war: Es wird ab Herbst keine geburtshilfliche Versorgung auf der Insel mehr geben. Thorsten Bomhard habe mitgeteilt, dass er seine belegärztliche Tätigkeit am Krankenhaus einstellt. Ulrichs betonte, dass diese Entscheidung nichts mit der wirtschaftlichen Misere des Krankenhauses zu tun habe.

Die Stadt habe sich immer für die Geburtshilfe eingesetzt. Das Thema habe schon oft auf der Kippe gestanden. Torsten Bomhard hätte neun Jahre, die Norderneyer Hebamme Gabriele Peinecke sogar 16 Jahre dafür gesorgt, dass hier Kinder zur Welt kommen konnten.
„Wir haben überlegt, wie es weitergehen könnte“, so Ulrichs. Die Rahmenbedingungen hätten sich jedoch so nachhaltig verschlechtert, dass es auch kaum Aussicht auf Lösung dieses Problems gebe. So sei die Zahl der Geburten gesunken. Im vergangenen Jahr kamen gerade noch 30 Kinder auf Norderney zur Welt. Das sei keine wirtschaftliche Grundlage. Die Stadt habe sich die Geburtshilfe immer viel kosten lassen.

Es sei jedoch selbst für festländische Krankenhäuser mit dem 15fachen an Geburten schwierig, einen Gynäkologen zu finden. Erschwerend sei, dass Thorsten Bomhard die Frauenarztpraxis auf Norderney weiterführen will, „was an sich sehr zu begrüßen ist“, so der Bürgermeister. Auch die Geburtsvorbereitung mit Hebamme Gabriele Peinecke wird auch weiterhin auf Norderney angeboten. Aber das Thema Geburt werde eingestellt.

Thorsten Bomhard nahm die Verantwortung voll auf sich. „Der Entschluss lag bei mir“, so Bomhard. Unter Ex-Krankenhaus-Geschäftsführer Matthias Rauwolf sei die Abteilung schon einmal fast geschlossen gewesen, da habe er gemeinsam mit Gabriele Peinecke noch gekämpft und bewiesen, dass die Geburtshilfe sich rechne.
Die Situation habe sich dahin bewegt, dass es ihm nicht mehr möglich sei, 365 Tage im Jahr rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen. Das sei familiär, körperlich und seelisch nicht mehr tragbar, sagte Bomhard, der sichtlich bewegt war.

Der letzte Einsatz sei um halb drei in der vergangenen Nacht erfolgt. Dabei habe es sich um eine schwangere Urlauberin gehandelt, die geburtshilfliche Unterstützung brauchte.
Für eigene Urlaube habe es in den letzten Jahren immer größer Probleme gegeben, überhaupt eine Vertretung zu bekommen. Das liege daran, so Bomhard, dass viele Kollegen vor der heiklen Situation auf einer Insel zurückschrecken würden, wo einer alleine entscheiden müsse. Die Verantwortung sei sehr groß. Wenn überhaupt, sei es ihm gelungen, im Herbst zwei Wochen Urlaub zu machen.

Bürgermeister Frank Ulrichs betonte: Was ihm Kopfschmerzen bereite sei, dass die Chance auf Nachfolge bei den Rahmenbedingungen gleich null sei. Ulrichs: „Das ist eine kleine Katastrophe für die Insel.“
Die Ausführungen von Torsten Bomhard würden zeigen, dass der Bedarf da sei. In Zukunft werde der hausärztliche Notdienst gefragt sein, mit dem Ergebnis, dass mehr Fahrten mit Rettungswagen, Rettungsboot und Flüge anfallen würden.

Er sei als Frauenarzt selbstverständlich weiter erreichbar, so Bomhard, aber bei der Geburtshilfe setze nun der Zustand ein, der auf anderen Inseln Normalfall sei.
Von Norderney aus sei es noch erheblich einfacher als von Juist aus. Auch böten die Krankenhäuser in Emden und Aurich seines Wissens die Möglichkeit, bereits einige Tage vor der Geburt zu kommen.
Er könne ich gut vorstellen, dass dieses Thema in den kommenden Tagen emotional diskutiert werde. Er selbst sei sprachlos, schloss Ulrichs.

Ende der Geburtshilfe auf Norderney, 3.9 out of 5 based on 20 ratings
VN:F [1.9.22_1171]
Bewertung: 3.9/5 (20 abgegebene Stimmen)

Marktplatz Norderney

Zum Marktplatz