Nomo Online News

Samstag, 10.November 2012 - 11:21 Uhr | Kategorie Regionales

Deutscher Tourismustag: „Ende des Wachstums“

Wilhelm Loth

Titelbild: Kurdirektor Wilhelm Loth: „Der Gast hat sich verändert und verändert sich zunehmend.“ Foto:Kähler

(der) – „Der Tourismus in Deutschland wird hinsichtlich seiner Bedeutung für die Wirtschaft unterschätzt“, so Reinhard Meyer beim Pressegespräch zum Deutschen Tourismustag. Meyer ist Wirtschaftsminister in Schleswig Holstein und Vorsitzender des Deutschen Tourismusverbandes (DTV). In Deutschland, so Meyer, werde in diesem Jahr erstmals die Marke von 400 Millionen Übernachtungen geknackt. Für das gesamte Jahr werde bundesweit mit einem Plus von 4 Prozent gerechnet.

Die Vernachlässigung des Tourismus als Wirtschaftsfaktor sei vollkommen ungerechtfertigt. Die touristischen Dienstleistungen tragen 4,4 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei. Dies sei mehr als die Autoindustrie. Die Branche stelle 2,9 Millionen Arbeitsplätze. Viele in strukturschwachen Regionen.

Die Gäste bleiben dabei immer kürzer. Städtereisen liegen im Trend. Berlin, Hamburg und München legten sogar um 10 Prozent zu. Ein weiterer Trend sei der zum naturnahen Reisen. Eine gemeinsame Initiative von Schleswig Holstein und Niedersachsen, das Weltnaturerbe Wattenmeer gemeinsam mit Ameropa, dem Reiseveranstalter der Bahn zu vermarkten, sei ein Beispiel dafür.

Das Thema des Deutschen Tourismustages „Wettbewerbsfaktor Mensch“ klinge technisch, so Meyer. Es gehe vor allem darum, den Fachkräftemangel in der Branche in den Blick zu nehmen. „Wie kann man Mitarbeiter binden, was motiviert sie?“, so Meyer. Man könne in keiner Branche Qualität abliefern ohne qualifizierte und motivierte Mitarbeiter. Neben einer attraktiven Bezahlung gehörten dazu Arbeitszeitmodelle, bei denen sich Beruf und Familie und zunehmend auch Beruf und Pflege miteinander verbinden ließen.

Weniger Wachstum in Niedersachsen

Für Niedersachsen sieht die Lage anders aus, berichtet Carolin Ruh, Geschäftsführerin von Tourismusmarketing Niedersachsen, der landeseigenen Marketinggesellschaft. Hier liege der Tourismus mit 390.000 Arbeitsplätzen auf Platz zwei hinter der Autoindustrie. Auch in Niedersachsen sei es nicht mehr so leicht, Auszubildende oder Fachkräfte für den touristischen Arbeitsmarkt zu finden. Dies gelte für die Führungskräfte genauso, wie für den Dienstleistungssektor. Insgesamt sei es für den Tourismus aber ein Vorteil, dass sich Menschen mit unterschiedlichsten Qualifikationen integrieren ließen.

„Wir rechnen nicht mehr mit einem immensen Wachstum“, betont Carolin Ruh. Dies werde nicht gerne gehört, sei aber schon festzustellen. Wenn gespart werde, dann an der Reisedauer, nicht an der Qualität. Darum müssten immer mehr Gäste generiert werden. „Gehen Sie von Stagnation aus“, so Ruh. Das sei immer noch ein gutes Ergebnis. In Niedersachsen liege das Wachstum bei einem halben Prozent. Einziger Ausreißer sei der Harz, der nach Jahren als Sorgenkind mit einem Plus von 5,5 Prozent Gewinner des Jahres sei.

Wilhelm Loth, Kurdirektor auf Norderney kann zwar auf ein stärkeres Wachstum blicken als der Landesschnitt, doch auch Loth verweist auf die kürzere Verweildauer. 2001 wurden 321.372 Gäste gezählt, die 2,985 Millionen Mal übernachteten. 2011 hat sich die Zahl der Gäste auf 459.851 gesteigert; die Zahl der Übernachtungen stieg aber nur auf 3,201 Millionen. „Der Gast hat sich verändert und ändert sich zunehmend. Wir sind jetzt bei sieben Tagen“, so Loth.
Auf Norderney, das rund 5.500 Einwohner hat, seien derzeit rund 6.000 Menschen im Tourismus beschäftigt. Dazu kämen 2.000, die als Privatvermieter im eigenen Haus tätig seien. Rechne man die indirekt Beteiligten (Einzelhandel, Lieferanten etc.) dazu, läge die Zahl über 10.000, so Loth.

Während der Hauptsaison könnten schon seit vielen Jahren nicht mehr alle Arbeitsstellen besetzt werden. Auch habe sich die Zahl der Pendler, die mit der Frühfähre vom Festland kommen, stark erhöht.

In der Tourismuswirtschaft seien dies in der Spitze über 1.000 Beschäftigte aus allen Teilen der Tourismuswirtschaft.
Die Unterbringung der Beschäftigten werde zunehmend zum Problem, da sich aufgrund der großen Nachfrage nach Immobilien und der allgemeinen Entwicklung die Preise stark erhöht hätten. Schon daher werde es schwieriger, Auszubildende und Fachpersonal zu bekommen. Dabei stehe Norderney noch gut da. Es gebe bereits Inseln, auf denen würde das Vereinsleben bis hin zur Besetzung der Feuerwehr langsam zum Problem.

Positiv sei zu vermerken, dass mit der Ausweitung der Saisonzeiten viele der früher zeitlich befristeten Arbeitsplätze zu Festanstellungen geworden seien. Bei Gesprächen zum Fachkräftemangel stelle er immer wieder eine „Position des Bemängelns“ fest. Es habe niemand mehr Lust zu arbeiten, die Bereitschaft zum Dienen sei nicht mehr da, die Qualifikation der Mitarbeiter reiche nicht aus. Er fordere von den Unternehmen in diesem Punkt mehr Engagement und Investition in die Menschen.

VN:F [1.9.22_1171]
Bewertung: 0.0/5 (0 abgegebene Stimmen)

Marktplatz Norderney

Zum Marktplatz