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Freitag, 14.Juni 2013 - 11:06 Uhr | Kategorie Regionales

„Der Mensch muss im Vordergrund bleiben“

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Titelbild: Hausaufgabenbetreuung im Rahmen der Ganztagsschule. Fotos: Dörner

(bad) – Die Nachmittagsbetreuung von Kindern in der Norderneyer Grundschule ist bei Eltern wie Politikern derzeit ein wichtiges Thema. Die momentan noch Verantwortliche für die Betreuung, Kerstin Illian, wird zum Schuljahreswechsel aus privaten Gründen aufhören (wir berichteten).

Die Tatsache, dass bisher die Nachmittagsbetreuung auf selbstständiger Basis durchgeführt wurde und werden konnte, zeigt, dass es einen Bedarf gibt. Darin sind sich Schule, Eltern und Politik einig. Politisch, so wurde es bereits verschiedentlich deutlich, wird eine Ganztagsschule als Lösung bevorzugt.

Am Festland gibt es bereits seit einigen Jahren Ganztagsschulen im Grundschulbereich. Die „Schule Im Spiet“ in Norden ist eine Offene Ganztagsgrundschule. Der Zusatz „offen“ zeigt an, dass die Teilnahme am Schulangebot außerhalb der regulären Unterrichtszeiten grundsätzlich freiwillig ist. Der Norderneyer Morgen hat die „Schule im Spiet“ besucht, um sich vor Ort ein Bild vom Angebot und den Möglichkeiten und Grenzen einer solchen Einrichtung zu machen.

Die Schule im Spiet hat nach Auskunft von Schulleiterin Eta Willers derzeit rund 300 Schülerinnen und Schüler. Fast 60 Kinder nehmen am Nachmittagsangebot der offenen Ganztagsschule teil. Das Nachmittagsangebot endet um 15.15 Uhr. Abgesehen von einem Beitrag für das Mittagessen, entstehen den Eltern keine Kosten, wenn ihre Kinder am Nachmittagsangebot teilnehmen.

Feste Bestandteile des Nachmittagsangebots sind besagtes Mittagessen, das von einem Caterer aus Aurich geliefert wird, und Hausaufgabenbetreuung. Auch Förderunterricht findet in Absprache mit den Kollegen aus dem Vormittagsunterricht statt. Die übrigen Kurse und Arbeitsgemeinschaften (AGs) können die Kinder frei wählen. Zur Auswahl stehen Angebote aus dem kreativen, technischen, sportlichen und musischen Bereich.

Es gibt zwei Bläserklassen, eine Gitarrengruppe, einen Chor und eine Zumba-Tanzgruppe. Aus den hauswirtschaftlichen Angeboten ist ein eigenes Rezeptbuch hervorgegangen. In Werken werden aus zwei kaputten Fahrrädern ein gebrauchsfähiges oder aus Blumentöpfen und Fliesenresten werden mediterrane Accessoires für den Schulhof. In PC-Kursen lernen die Kinder einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Computer. Ausflüge ins Watt, ins Maislabyrinth, zu einer Ziegelei, auf einen Bauernhof, zu Pferden, in die Kirche und an andere Orte vermitteln den Kindern die Orte, an denen alle die Dingen zu finden sind, von denen sie im Unterricht nur mehr oder weniger theoretisch erfahren.

Natürlich könne man Getreidekörner und Mehl mit in die Schule bringen, so Willers. Auch das sei Unterricht zum Anfassen. Davon wüssten die Kinder aber immer noch nicht, woher das Getreide komme. Fahre man aber mit ihnen auf einen Bauernhof und zeige ihnen im Verlauf des Jahres, wie und wo das Getreide wachse, dann lernten die Kinder alles weitere viel müheloser.

Die Kinder, die zum Ganztagesangebot angemeldet würden, seien in der Regel verpflichtet, wenigstens viermal in der Woche nachmittags zur Schule zu kommen, erläutert Eta Willers. Die Genehmigung für die Ganztagesschule liege seit 2008 vor. Begonnen habe man aber schon vorher. Auslöser sei gewesen, dass Kinder, die um 15 Uhr zu einer AG kommen wollten, bereits um 13.30 Uhr wieder an der Schule gestanden hätten. Angefangen habe man das Angebot schließlich mit 12 Kindern.

Bei der Umsetzung des Ganztagsangebots lief nicht immer alles rund. Bis eine gut funktionierende Elternarbeit erreicht worden sei, habe es ein wenig gedauert, so die Schulleiterin. Und „man muss die entsprechenden Leute einkaufen“, sagt Willers. Und meint damit qualifizierte und motivierte Mitarbeiter.

Den Bedarf sehen und handeln, so könnte man die grundlegende Idee beschreiben. Bettina Jenssen, zuständig für die Schulsozialarbeit der „Schule Im Spiet“ sagt es so: „Der Mensch muss im Vordergrund bleiben“. Dieser Grundsatz zieht sich durch den gesamten Ablauf der Ganztagesbetreuung.

Es gehe darum Fördermöglichkeiten zu erkennen, so Jenssen. Dazu würden die Kinder beobachtet auf ihre Stärken und Schwächen hin. Es gebe regelmäßige Austausche zwischen den Mitarbeitern der Ganztagsschule und Beobachtungsberichte. Von der gezielten Förderung erhoffe sich die Schule bessere Ergebnisse im Unterricht, die sich schließlich auch in besseren Noten zeigen sollten.

Die Förderung könne etwa so aussehen, dass ein Kind, das gut rennen und laufen könne, aber nicht so gut balancieren, in diesem Bereich gezielt gefördert werde. Die Balance halten können, das heiße nämlich auch, die Balance in einem Konflikt halten zu können oder sich durchgängiger während des Unterrichts konzentrieren zu können.

„Wir profitieren im Unterricht gewaltig davon“, wirft Eta Willers ein. Die Kinder würden sich durch die gezielte Förderung in allen übrigen Bereichen ebenfalls besser entwickeln. Und sie bekämen ein gesundes Selbstvertrauen, eines, das auf tatsächlichen Leistungen beruhe. Daher sage man bei ihnen auch, die „Kinder werden beschult, nicht betreut“.

Das zeigt sich etwa bei der Hausaufgabenbetreuung. Die Hausaufgaben einfach zu machen, das sei leicht, sagt Bettina Jenssen. An der Schule lege man allerdings großen Wert darauf, dass die Aufgaben auch begriffen werden. Auch bei den AGs gebe es immer ein Lernziel, dessen Erreichen auch überprüft werde. Für die Kinder stehe aber der Spaß im Vordergrund.

Die „Schule Im Spiet“ ist eine Schule in einem sozialen Brennpunkt. So werden Schulen bezeichnet, die in einem Einzugsgebiet liegen, das für die dortige Bevölkerung schwierige soziale Bedingungen bietet. Das will Rektorin Willers aber nicht als Nachteil verstanden wissen.

Natürlich gebe es auch Schwierigkeiten und Probleme, so Willers. Aber in erster Linie bedeute „Schule im sozialen Brennpunkt“ Vielfalt. Und das sei für die Schüler ein Vorteil.

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