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Mittwoch, 07.März 2012 - 10:59 Uhr | Kategorie Aktuelles

„Auf das Bauchgefühl hören“

Mit dem Ellbogen zielt Graalmann auf die Pratze.

Titelbild: Uwe Graalmann, der Präsident der Norderneyer Lions, wird von Alexandra Wilke in das Zerschlagen von Brettern eingewiesen.

(bad) – Woran erkennt man potentielle Vergewaltiger und wie kann man sich wehren? Um diese Fragen dreht sich das Programm „Frei sein“ der Psychologen Alexandra Wilke und Christian Puttlitz. Die dritten bis sechsten Klassen von Grundschule und Kooperativer Gesamtschule (KGS) lernen, wie sie Stimme und Körper als Verteidigungsmittel einsetzen können. Ermöglicht wird das Programm durch den Lions-Clubs Norderney, der 2.500 Euro an den Förderkreis Norderneyer Schulen für „Frei sein“ gespendet hat.

Jeder Mensch habe eine Zone um sich herum, die für ihn eine Grenze nach außen hin darstelle, erläuterte Wilke. Diese werde Revier genannt. Werde diese Grenze überschritten, reagierten alle Menschen mit einem schlechten Gefühl, häufig in der Bauchregion. Kindern werde mitunter regelrecht schlecht.

Kern des Programms sei es, Kindern beizubringen, auf ihr Bauchgefühl zu hören und diese Grenze zu verteidigen. Die Eltern müssten allerdings mithelfen, in dem sie die Grenzen der Kinder akzeptieren. Wilke gab ein Beispiel:„Du musst Oma nicht küssen, wenn du nicht willst.“
Doch zunächst war Theorie angesagt: Was ist eine Vergewaltigung? Was ist sexueller Missbrauch, was Belästigung? Und wie oft kommt so etwas vor? „Dies ist ein Mitmach-Eltern-Abend“, sagte Wilke. Die Eltern und Interessierten, die zum Informationsabend gekommen waren, waren zum Mitdenken aufgefordert.

Es dauerte nicht lange, eine Definition für den Begriff der Vergewaltigung zu finden: das Eindringen in den Körper gegen den eigenen Willen. Schwieriger war die Abgrenzung von Missbrauch zu Belästigung. Die Schwierigkeiten sind gerechtfertigt, meinte Wilken. Missbrauch sind alle Handlungen, die ebenfalls gegen den eigenen Willen gerichtet sind und einen eindeutig sexuellen Charakter aufweisen.
Belästigung hingegen ist kulturabhängig. Wilke verdeutlichte es an einem Beispiel. Pfeifen Männer Frauen hinterher, ist das für viele Frauen ein Kompliment. Wilke: „Was die eine noch als Kompliment empfindet, ist für die andere schon Belästigung“.

Vergewaltigung komme generell schon sehr selten vor, machte die Psychologin deutlich. Noch seltener sei es, dass das Opfer nach der Tat getötet werde. Das sei nur in 0,01 Prozent der Vergewaltigungen der Fall. Diese sehr seltenen Fälle seien sehr tragisch. Sie erhielten aber mehr Beachtung in den Medien, als sie für gerechtfertigt halte.
Warum vergewaltigt jemand? Diese Frage beantwortet die Psychologin eindeutig: „Es geht um Macht.“ Ein Vergewaltiger sei innerlich ein kleines Würmchen, der mit irgendetwas in seinem Leben nicht klar käme. Daher suche er ein Ventil.
In der Kriminalwissenschaft spreche man auch von der „Klein-Groß-Regel“, so Wilke. Wer sich innerlich klein fühle, suche sich andere, über die er Macht ausüben könnte, um sich dann besser zu fühlen. Die Kinder würden so etwas vom Schulhof kennen.
Mögliche Opfer seien für gewöhnlich schüchtern, erklärt die Psychologin. Sie würden von den Tätern an verschiedenen Merkmalen erkannt, etwa an einer geduckten Körperhaltung und einer betont leisen Stimme. Ein weiteres Merkmal sei, „der Blickkontakt kann nicht gehalten werden, sondern der Blick geht sofort auf den Boden“. Mögliche Opfer finde man auch kaum im Mittelpunkt von Gruppen, sondern eher am Rand.

Diese Verhaltensweisen könne man ändern, so Wilke. Eine der wichtigsten Präventionsmaßnahmen sei das Schreien. Fremde Täter ließen zu über 90 Prozent von ihren Opfern ab, wenn diese schrieen und sich mit Tritten oder Schlägen wehrten. Das zeige eine Statistik der Polizei Hannover, die alle versuchten Vergewaltigungen und die vom Opfer ergriffenen Gegenmaßnahmen in einem bestimmten Zeitraum untersucht habe.

Grundschüler wüssten in der Regel nicht, warum das Verbot, mit Fremden mitzugehen, existiere. Daher würden sie im Programm „Frei sein“ ein Mindestmaß an sexueller Aufklärung durchführen. Erschwerend komme hinzu, dass die Mehrzahl der Täter aus dem Familien- oder Bekanntenkreis komme, für die dieses Verbot nicht greife. Umso wichtiger sei das Bauchgefühl. Hier könnten die Eltern mit gutem Beispiel vorangehen und ihren Kindern verdeutlichen, dass das Einhalten von Grenzen nicht verwerflich ist.

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